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22.10.2011

Mehr Effizienz bei gleicher Qualität?

Ärzte zeigen sich skeptisch angesichts des bevorstehenden „Versorgungsstrukturgesetzes“

„Alles wird besser“, hoffen die Politiker, doch bei den Ärzten überwiegt Skepsis: Am Mittwoch fand in Berlin eine Anhörung des Ausschusses für Gesundheit zum „Versorgungsstrukturgesetz“ statt. Im Januar soll das Gesetz in Kraft treten.

„Das Versorgungsstrukturgesetz soll drängende Probleme im Gesundheitsbereich lösen“, erläutert Michael Hennrich, Nürtinger CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Ausschusses für Gesundheit in Berlin. Dem drohenden Ärztemangel soll beispielsweise durch entsprechende Bedarfsplanung begegnet werden, weiter soll die ambulante spezialärztliche Versorgung reformiert werden und dabei geht es auch um Honorarfragen, die letztlich mehr Qualität garantieren und medizinische Berufe attraktiver machen sollen.

Die niedergelassenen Ärzte beobachten die Entwicklung mit Skepsis. Aus ihrer Sicht hat sich in den vergangenen Jahren sowohl die Versorgung der Patienten als auch die Situation ihrer Berufsgruppe verschlechtert. Das Gespräch mit dem CDU-Mann hat daher vor der Anhörung Medi Kirchheim-Nürtingen gesucht, eine Vertretung für niedergelassene Mediziner aller Fachrichtungen. Dabei waren der Kardiologe Dr. Norbert Smetak, der Radiologe Dr. Harald Fritz und die Hausärzte Dr. Martin Häberle und Dr. Gordon Hunter. Sie alle treibt unter anderem die Sorge um, dass künftig die Versorgung der Patienten in Spezialbereichen gefördert wird, aber im hausärztlichen Sektor sowie bei niedergelassenen Fachärzten zu kurz kommt.

Norbert Smetak weist auf den ständig steigenden Nachsorgebedarf in den Praxen hin. Er ist zum einen in der Entwicklung der Bevölkerungsstruktur begründet, zum anderen in der Tatsache, dass die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus heute nur noch kurze Zeit beträgt. Die Aufgabe der qualifizierten Nachsorge liegt also beim Hausarzt. Genau das wünschen sich auch die Patienten. „Viele Menschen suchen ganz bewusst die Intimität und die Vertrautheit einer Hausarztpraxis“, gibt Martin Häberle zu bedenken. Doch die Praxen sind überfüllt, die Budgets gedeckelt. Zusätzliche Patienten bedeuten für die Mediziner Mehrarbeit ohne Plus in der Kasse.

Eine große Klinik wiederum garantiert nicht automatisch bessere Versorgung, wie die Niedergelassenen anklingen lassen. Sie betonen, dass große Kliniken heute unter enormem Zeitdruck arbeiten. Ob ein Patient dort angemessen versorgt wird, ist daher diskussionswürdig. Viele fühlen sich nach dem Pingpong-Prinzip hin- und hergeschoben und landen mit langen Diagnosen schließlich wieder beim Hausarzt.

Immer schwerer wiegt das Problem der Mobilität. Ältere und kranke Menschen, die den Praxisalltag prägen, haben es oft schwer, in eine weit entfernt gelegene große Einrichtung zu gelangen. Die klassische Familie, in der jemand Zeit hat, Opa zum Arzt zu fahren, gibt es immer seltener. „Wie leisten wir vor Ort die Versorgung der über 90-Jährigen?“, fragt Smetak besorgt.

Natürlich haben Kooperationen auch Vorteile. Michael Hennrich verweist auf Sparpotenziale durch Vernetzung, aber auch auf höhere Qualität. Eine Tendenz zu stationären Aufenthalten gebe es keineswegs, versichert er den niedergelassenen Ärzten. Das ist schon allein aufgrund der Kosten, die ein Krankenhausaufenthalt verursacht, einleuchtend. Für Hennrich ist im Gesundheitsbereich noch viel Effizienzsteigerung drin.

„Wir kommen längst an unsere Grenzen“, lautet dagegen die Warnung der Ärzte. Sie klagen über lange Wartezeiten für Spezialuntersuchungen, etwa beim Herzspezialisten oder beim Lungenfacharzt. „Das Argument, wir seien mit Ärzten überversorgt, klingt in den Augen vieler Fachärzte wie Hohn“, macht Smetak klar und verweist auf 14-Stunden-Arbeitstage. Martin Häberle wiederum zieht die Ermittlung der Bedarfszahlen in Zweifel. Sie hinkten der Entwicklung hinterher. Beispielsweise würden sie der Tatsache nicht gerecht, dass immer mehr Zeit für Bürokratie statt für Behandlungen aufgewendet werden muss oder dass immer mehr Menschen mit zeitaufwendigen psychischen Krankheiten versorgt werden wollen.

Keine Zweiklassenmedizin

Trotz brechend voller Terminkalender und langer Wartezeiten widersprechen die praktizierenden Ärzte übereinstimmend dem Verdacht, es gebe eine Zweiklassenmedizin: Wer ein Notfall sei, müsse nicht warten, unabhängig von der Versicherung. Doch das herauszufiltern, ist für die Helferin am Telefon in der Praxis fast ein Ding der Unmöglichkeit. Als „Lotse“ kann nur der Hausarzt fungieren, der die Patienten zu den Spezialärzten dirigiert. Doch er muss dann eben vor Ort verfügbar sein.

Einigkeit herrscht unter Politik und Praktikern darüber, dass das deutsche Gesundheitssystem erste Sahne ist. – Noch zumindest. Was alle verhindern wollen, ist eine „Priorisierung“, wie sie in England Usus ist. Das bedeutet: Nicht jeder Kranke bekommt noch jede Therapie. Zum Beispiel müssen künstliche Hüftgelenke oder Dialysen ab einem gewissen Alter aus eigener Tasche bezahlt werden. Dass die gefürchtete Priorisierung auch in Deutschland eines Tages kommen wird, damit rechnen fast alle. Indirekt gibt es sie schon: „Wir priorisieren täglich in unseren Praxen“, gibt Gordon Hunter zu bedenken. Gemeint ist die Abwägung angesichts eines begrenzten Budgets, welchem Patienten man noch welche Segnung zuteil werden lassen darf.

Michael Hennrich sieht Handlungsbedarf weniger bei der Politik als bei den Vertretungen der Mediziner. Politiker hätten vor allem die Aufgabe, das System finanzierbar zu halten. Details müssten von den Beteiligten ausgearbeitet werden.

Fachpraxen vor Ort garantieren hohes Versorgungsniveau und helfen, lange Anfahrtswege zu vermeiden.

 

Von Irene Strifler

 
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